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Schluss mit Scheuklappen

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Foto: Freeda Michaux/iStock
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Schluss mit Scheuklappen

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Schluss mit Scheuklappen!

Die oberste Führungsebene sieht sich dem Vorwurf der Unnahbarkeit ausgesetzt. Sie wirkt, wenig greifbar, nicht nur der Realität entrückt – schlimmer noch: Viele Menschen, auch in Deutschland, haben ein grundsätzlich negatives Bild von den Leistungsträgern, die ihnen so fremd sind. Zeit, sich nicht länger im Büro zu verschanzen, sondern Gesicht zu zeigen und Farbe zu bekennen.

Die Haltung Milton Friedmans, die einzige Maxime für Manager solle die Erhöhung des Profits sein, solange sich die geschäftlichen Aktivitäten im Einklang mit den geltenden Gesetzen befänden, wirkt heute aus der Zeit gefallen. Sein Ausspruch „The social responsibility of business is to increase its profits“ (1970) scheint heute so kaum mehr tragbar. Das abgeschwächte Modell der sozialen Marktwirtschaft, wie wir es kennen hingegen, gilt als vielversprechendes Erfolgskonzept. Und doch: Die Stimmung kippt. Unternehmen sehen sich mit wachsender Kritik an ihrer Produktionsweise, an ihrem Umgang mit Mitarbeitenden, an mangelnder Diversität und ungleicher Bezahlung von Männern und Frauen konfrontiert. Als letzter Nagel im Sarg des freien, uneingeschränkten Wirtschaftens erlangte das Thema „Klimawandel“ eine unvorhersehbare Aufmerksamkeit – gefolgt von einer durch Greta Thunberg entfachten Debatte um die ökologische Verantwortung von Unternehmen. Um sich aus dieser misslichen Lage zu befreien und den Sprung von der Anklagebank zu schaffen, ist es an der Zeit, dass Unternehmen ihre Scheuklappen abnehmen und erkennen, dass sie nicht losgelöst und von der Gesellschaft entkoppelt agieren, sondern eingebunden sind in ein größeres Netzwerk, in ein Ökosystem, das aus mehr besteht als aus Shareholdern und Kunden.

 

Keine besonders neue, gar geistreiche Erkenntnis

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2011 richtig titelte, plädierten bereits Gelehrte in der Antike für eine Ethik des Maßes. Schon Aristoteles, der den Begriff der „Ökonomie“ (von griechisch „òikos“, das Haus) prägte, legte besonderen Wert darauf, dass diese immer mit der Lehre vom guten Leben verbunden bleibt. Dabei verlieren sich das Haus oder der Haushalt mit seinen Bewohnern, die gemeinsam „wirtschaften“, keineswegs in purem Eigeninteresse. Maßgeblich zeichnet sich Wirtschaften durch seine Einbindung in die Polis, in den Stadtstaat, und damit in eine größere Gemeinschaft aus. Will sagen: Aristoteles kannte und beschrieb die Gesetze des Marktes. Er weigerte sich aber schon zu seiner Zeit, sie als losgelöstes System zu betrachten, und sah ihre Sinnhaftigkeit für das gute Leben in einer Gemeinschaft immer im Kontext einer politischen Ordnung. Ein Wirtschaften, das allein auf möglichst großen Geldgewinn und unbegrenzten Reichtum zielt, missbilligte der Philosoph. Alles Streben, alles Wachstum, alle Leistung würden demnach erst dann gut, wenn sie zu einem besseren Leben für die Gemeinschaft beitrügen.

 

Aristoteles Portrait
Illustration: Lena Kulla

Aristoteles,

der den Begriff Ökonomie prägte, legte besonderen Wert darauf, dass diese immer mit der Lehre vom guten Leben verbunden bleibt. Dabei verlieren sich das Haus oder der Haushalt mit seinen Bewohnern, die gemeinsam „wirtschaften“, keineswegs in purem Eigeninteresse. Maßgeblich zeichnet sich Wirtschaften durch seineEinbindung in die Polis, in denStadtstaat, und damit in einegrößere Gemeinschaft aus.

 

Dass diese Ansätze in Vergessenheit geraten sind, kann über einen Zeitraum von mehr als 2000 Jahren zugegebenermaßen passieren. Und überhaupt, was wusste der alte Grieche schon von Globalisierung? Wie die immer stärkere Bewegung von der reinen Shareholder- zur Stakeholder-Perspektive zeigt, wohl mehr als man anzunehmen vermag. Angestoßen von der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 setzte sich die Erkenntnis durch, dass es nicht das Maß aller Dinge sein kann, wenn sich Unternehmen ausschließlich auf den Kapitalmarkt und ihre Shareholder konzentrieren: Zu viel war bei dieser Ausrichtung auf der Strecke geblieben – auch das Vertrauen von Menschen. Die Einsicht, dass eben nicht nur das eigene „Haus“, um im Jargon Aristoteles‘ zu bleiben, wichtig ist, sondern auch andere Stakeholder ein berechtigtes Interesse an dem Wirtschaften von Unternehmen haben, setzt sich weiter durch. Längst sind es nicht mehr Investoren und Analysten allein, die über Zukunftsperspektiven und Geschäftsergebnisse entscheiden. Die Forderung nach einem Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und sozialer Fragen wird lauter, eine neue Form der Legitimation jenseits des Kapitalmarktes erwartet. Heute sind Unternehmen und ihre führenden Manager eingebunden in ein hochkomplexes und sensibles Beziehungsgebilde aus Kapitalmarkt, Politik, Medien und Gesellschaft, aber auch aus den eigenen Mitarbeitenden, Zulieferern und Partnern. Umso wichtiger ist es, das eigene Umfeld und die dort wirkenden Einflusskräfte zu kennen und frühzeitig in die Unternehmensstrategie einzubeziehen.

 

Leichter gesagt als getan

In einem Nebel divergierender Meinungen lautet das Gebot der Stunde deshalb: zuhören, erkennen und mitgestalten. Die Teilnahme am öffentlichen Diskurs, meinen Experten, ist unerlässlich, denn das Schweigen der Unternehmer wird – früher oder später – abgestraft werden. Drückt sich die Wirtschaftselite vor dem Diskurs, können die Folgen sowohl ihnen als auch der Demokratie nur schaden, denn die lebt bekanntlich vom Wettstreit der Argumente. Aktivisten und NGOs dagegen tragen Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft deutlich vor, weisen auf die zunehmende Zerstörung von Ressourcen als Konsequenz allen Wirtschaftens hin und fordern die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaft dazu auf, Stellung zu beziehen. Die Politik zeigt erste Reaktionen, setzt neue Rahmenbedingungen für Gesellschaft und Industrie, für Energie und Landwirtschaft. Auch die Wirtschaft findet Antworten. Wenn sich die sogenannten Hidden Champions sowie Leistungsträger, die Säulen unseres Wohlstands, öffentlich zu Wort melden, wird jedoch nicht selten ein Verband oder eine Lobbygruppe vorgeschickt.

 

Kann man machen, ist aber wenig konstruktiv

Auch in der öffentlichen Debatte wirkt nichts unangebrachter als eine Wirtschaftselite, die keine Empathie aufbringt für die neuen Bedingungen der Politik und stattdessen ihre eigene systemische Logik zum Maßstab aller Dinge erhebt. Sei es beispielsweise durch die in Corona-Zeiten lauter werdenden Forderungen nach Kaufprämien für Neuwagen oder etwa nach der Verschiebung der Düngeverordnung. Ein Mittelweg zwischen lauten Forderungen und dem unheimlichen Stillschweigen, das immer auch Raum schafft für Spekulationen und Gerüchte aller Art, ist eine gut durchdachte Positionierung zu unternehmensrelevanten politischen Debatten. Möchte man vermeiden, dass lediglich über einen, nicht aber mit einem gesprochen wird, ist man am besten direkt ansprechbar. Direkt meint dabei, auf das Vorschicken von weniger glaubwürdigen und authentischen Vertretern zu verzichten. Stattdessen gilt es, selbst Farbe zu bekennen. Schließlich sind es CEOs, Inhaber und Manager die mit ihrer Leistung letztlich auch für etwas einstehen müssen. Sie sind es auch, die von gesellschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen profitieren können, wenn sie die Zeichen der Zeit richtig lesen und ihre Unternehmensstrategie, ihr Wirtschaften, anpassen. In welchem Umfang das möglich ist, an welchen Stellschrauben vielleicht länger gedreht werden muss – all das ist Teil einer Debatte, die öffentlich geführt werden sollte.

Die Teilnahme an einem Diskurs bedeutet dabei nicht, andere zu übertönen und – komme was wolle – eine möglichst große Sichtbarkeit zu erreichen. Es geht eben nicht darum, dass sich Unternehmer, Vorstandsvorsitzende oder ranghohe Manager pauschal zu allen diskutierten Themen äußern sollen, um – gleich dem von Milton Friedman geforderten maximalen Profit – nun maximale Präsenz zu erzielen. Offenkundig muss die Führung, beispielsweise eines DAX-Unternehmens, in der Lage sein, andere Befindlichkeiten abzuwägen als Inhaber eines mittelständischen Unternehmens. Nachvollziehbar, dass sich internationale Stakeholder weniger für innenpolitische Debatten interessieren.  Um nicht über das Ziel hinauszuschießen, muss es in erster Linie darum gehen, ein klares kommunikativ-gesellschaftliches Profil zu entwickeln, das sich über Jahre festigen kann, für die Belange des Unternehmens eine Relevanz besitzt und so Absenderkompetenz sicherstellt. Schnellschüsse sind dabei wenig ratsam – kluges Beobachten, Abwägen und gute Argumente innerhalb eines authentischen Rahmens hingegen schon.

Ausgehend von der Annahme, dass Politik und deren Rahmenbedingungen innerhalb einer Demokratie die Antwort auf das sind, was sich im öffentlichen Meinungsbild manifestiert, kann es für Unternehmen, die sich wieder einer ganzheitlichen Betrachtung ihres Wirtschaftens im aristotelischen Sinne verschreiben und im reziproken Austausch mit ihrer Umwelt stehen, durchaus sinnvoll sein, hin und wieder und wohl dosiert, an politischen Debatten teilzunehmen. Dabei sei darauf hingewiesen: Diskurs gerne, aber Vorsicht: Politische Botschaften sind nichts für den kurzfristigen Geschäftserfolg. Dementsprechend gilt: CEOs, in öffentlichen Debatten? Ja, aber mit dem Hinweis: Wer vergisst, dass Anspruchsgruppen oft auch gegenläufige Interessen haben, und versucht, allen und jedem nahezu immer gerecht zu werden, der schießt schnell über das Ziel hinaus.

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