Blog

Ein echtes Original

| 01 Unique

Foto: Collage Lena Kulla/shutterstock
Blog

Ein echtes Original

| 01 Unique

Wie viel Authentizität darf es heute sein? 

Der befreite Mensch: Er verliert sich in Optionen und sehnt sich – nach Verlässlichkeit, nach Standhaftigkeit, nach der Besonderheit eines ehrlichen Moments. Topmanager reagieren, sie beziehen Position, füllen geschickt eine Lücke, die der politische Diskurs nicht abzudecken scheint, und begegnen so dem Lechzen nach Haltung. Nur: Was genau ist eigentlich „echt“?

Der Begriff „Authentizität“ ist nicht erst seit gestern in aller Munde: Ganz gleich, ob Politiker, Moderator, Prominenter oder Führungskraft – alle eint sie das eine Ziel, möglichst authentisch zu sein. Was genau das ist und wie genau das geht – dazu gibt es sehr unterschiedliche Ansätze und Ansichten. Und auch die Sinnhaftigkeit des Angestrebten wird längst nicht mehr hinterfragt. Unternimmt man den Versuch, sich dem mystifizierten Begriff über seine eigentliche Herkunft zu nähern, erfährt man, dass „Authentizität“ von dem griechischen „autòs“ abstammt, was erst einmal mit „selbst“ übersetzt werden kann. Die Bedeutungsvielfalt erstreckte sich indessen schon immer über vielfältige Verwendungen, die von der Echtheit über das Original als Abgrenzung von einer schnöden, austauschbaren Kopie bis hin zu Urheberschaft, Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und der Treue zu sich selbst reichen. Dass die Bezeichnung „Autorität“ die gleiche etymologische Herkunft aufweist, ist kein Zufall, erfordert sie doch gewissermaßen Authentizität, Verlässlichkeit und Vertrauen. Und auch „Authentés“, altgriechisch für den uneingeschränkten Herrscher, beruft sich auf ein eigenständiges Handeln, das eine uneingeschränkte Machtausübung erst möglich machen soll.

Schon diese begriffliche Annäherung bringt bei der Frage danach, warum insbesondere Führungspersönlichkeiten nach Authentizität streben, Licht ins Dunkel. Noch deutlicher wird der Zusammenhang, wenn man sich Ansätze zur Herleitung eines legitimen Machtanspruchs anschaut. Nach dem Soziologen und Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz ist ein ganz entscheidendes Motiv für die Anerkennung von Machtausübung „Charisma“. Die Macht des Charismas liegt darin, dass sie auf Vertrauen und Freiwilligkeit basiert, also aus einer besonderen Beziehung zwischen dem Charismatiker und seiner „Gefolgschaft“ resultiert. Auch unter den drei Legitimitätsansprüchen der Herrschaft, die der Soziologe Max Weber formuliert hat, findet sich die sogenannte Charismatische Herrschaft, die sich kraft emotionaler Hingabe auf eine vertrauensbasierte, persönliche soziale Beziehung stützt, wobei das Vertrauen dabei primär über den Weg der Kommunikation entsteht. So weit, so klar.

Charakter-köpfe

Unmöglich und doch unvergessen:

Fast nostalgisch erinnert sich der ein oder andere an hitzige Debatten zwischen Charakterköpfen wie Franz Josef Strauß und Herbert Wehner. Aufrichtigkeit und Emotion sind gefragt wie nie. Das Wahre, Ungeschliffene, so scheint es, kommt an.

Gütesiegel im gesellschaftlichen Diskurs

Mit der Klarheit ist es aber spätestens bei dem heute nahezu inflationären Gebrauch des Begriffs aus und vorbei. Mittlerweile gilt der Authentizitätsstempel als eine Art Gütesiegel des gesellschaftlichen Diskurses: Das Echte wird fetischisiert, Menschen sehnen sich nach Ursprünglichkeit, nach den wahren, einfachen Dingen im Leben. Aber was genau ist eigentlich „echt“? Das authentische Selbst ist in der Vorstellung des Einzelnen eng mit der eigenen Identität, mit Unabhängigkeit und der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung verknüpft. Entsprungen ist der Authentizitätskult, wie wir ihn heute kennen, den alternativen Milieus der 1970er und 1980er Jahre, als Gegentrend zu der bereits von der Industrialisierung eingeläuteten und von Karl Marx angeprangerten Entfremdung des Menschen vom eigens hergestellten Produkt und von sich selbst. Die linksalternative Bewegung wollte das Alltagsleben revolutionieren, prägte den Wunsch nach Selbstbestimmung und Individualisierung – und fachte so, nicht wenigen Einschätzungen zufolge, auch den Neoliberalismus an. Mit der Individualisierung rückt das eigene Selbst zunehmend in den Fokus, die aktive Gestaltung und Optimierung dessen, was wir Identität nennen, wird ebenso wichtig wie der Versuch, andere davon zu überzeugen, der zu sein, der man sein will.

Verschärft wird der Trend zur Selbstinszenierung heute vor allem durch die zahlreichen Selbstbilder, die dank Social Media auf den Einzelnen wirken und ihn in immer neue Rollen schlüpfen lassen. Kleinste Lebensereignisse werden per Selfie festgehalten, auf Facebook oder Instagram gepostet, per Twitter verbreitet oder auf YouTube hochgeladen. Die Protagonisten ihrer eigenen Geschichten bleiben mit der Frage „Wer bin ich?“ unterdessen immer ratloser zurück. Der Anhang „Und wenn ja, wie viele“, den Richard David Precht in dem Titel seines Bestsellers hinzufügte, scheint umso angebrachter zu sein, wenn man sich klar macht, dass es die eigene Identität und damit auch das im Kern „Echte“ vielleicht gar nicht gibt. Das eigene Selbst, nicht mehr als ein soziales Konstrukt, eine Stabilitätsillusion? Das Konzept eines unveränderlichen Wesenskerns alles Seienden stellte Heraklit mit dem Ausspruch „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ schon vor rund 2500 Jahren infrage – und aktuelle Erkenntnisse aus Soziologie, Hirnforschung und Psychologie geben ihm recht: Die eigene Identität, so der derzeitige Stand der Dinge, befindet sich tatsächlich in einem ständigen Wandel. Menschen passen sich Bedingungen an, erfinden sich immer wieder neu und ändern ihr Selbstbild in etwa so regelmäßig wie ein Chamäleon seine Farbe.

Identität im Wandel

Je verwirrender die Möglichkeiten, je mannigfaltiger die Schablonen der Selbstinszenierung und mit ihnen die Plattformen, auf denen sie präsentiert werden, umso zuverlässiger und zielstrebiger bahnt sich die Persönlichkeitskultur ihren Weg in Politik und Führungsetagen. Das, was Max Weber „Charisma“ nennt, erlangen Politiker und Führungskräfte längst nicht mehr durch politisches oder funktionales Handeln allein. Gefragt sind Aufrichtigkeit und Emotion. Das Wahre, Ungeschliffene, so scheint es, kommt an. Fast nostalgisch erinnert sich der ein oder die andere an „Schmidt Schnauze“ oder die Zeiten von Franz Josef Strauß als echtem Charakterkopf zurück – Headlines wie „Streiten wie zu Strauß‘ Zeiten“ (DIE ZEIT, 2018) zeigen, was dem weichgespülten politischen Diskurs heute fehlt. Polarisierend war er, Franz Josef Strauß. Er galt als angriffslustig, umstritten und polemisch. Und doch war er vor allem eins: geachtet. Nicht weniger Ecken und Kanten wurden seinem Counterpart und Rivalen um die Rednerkunst, Herbert Wehner, zugesprochen. Und dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff attestierte Strauß, dass seine „Einlagen aus einem Rüpelspiel“ im Parlament nicht der Sprache der Nobilität entsprächen.

Unmöglich – und doch unvergessen
TYPEN MIT CHARISMA

Ob es deswegen gerade in Führungspositionen immer sinnvoll ist, die eigenen Ecken und Kanten, Launen und Unzulänglichkeiten nach außen zu tragen, Ausbrüche zuzulassen oder wie beispielsweise Sigmar Gabriel 2016 Rechtsradikalen den Mittelfinger zu zeigen, ist fraglich. Das Ganze hat nämlich mindestens einen Haken: Werden emotionale Wutausbrüche und polemische Äußerungen unter „authentisch“ geführt, geraten dann bedachte, abwägende Menschen unter den Generalverdacht der „Unechtheit“? Macht nicht gerade diese Form des verbalen Populismus den Aufstieg solcher Figuren wie Donald Trump möglich? Auch nach Rainer Niermeyer, Autor des Buches „Mythos Authentizität“, ist nicht alles, was ankommt, immer auch klug. Vielmehr sei es durchaus riskant, persönliche Eigenschaften eines Individuums zu sehr in den Fokus zu stellen – hierbei wird unter Umständen nicht nur die organisatorische Rolle einer Führungskraft zu stark ausgeblendet. Eine starke Personalisierung wirft auch die Frage auf, was bleibt, wenn der charismatische, der expressive CEO geht, wenn der beliebte Parteivorsitzende plötzlich ausfällt.

Ist absolute Authentizität also nicht immer professionell?

Sicher ist, dass es verschiedene Interessengruppen gibt, denen man als Person des öffentlichen Lebens gerecht werden muss. Unbestritten ist auch, dass neben den rein funktional ausgerichteten Fähigkeiten, wie dem politischen Handeln oder dem Vortragen der Quartalszahlen, auch soziale Fähigkeiten und expressive Persönlichkeitsmerkmale stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und zum neuen, differenzierenden Alleinstellungsmerkmal werden. Für Führungspersonen wird es in Zukunft zunehmend darum gehen, ihren öffentlichen Auftritt um soziale und emotionale Facetten zu erweitern. Mehr denn je kommt es im Politischen auch auf das Moralische, auf Sensibilität gegenüber Nachhaltigkeitsthemen an – und eben auch auf das Private. Authentizität ist ein nicht zu unterschätzendes soziales Kommunikationsideal geworden, in dem Sachlichkeit und Stringenz der Argumente in Beziehung stehen zu wahrgenommener Echtheit und Glaubwürdigkeit des Kommunizierenden. Moderatoren, Politiker und Führungskräfte eint nicht nur das Streben nach dem authentischen Auftritt. Vielmehr sind sie geeint in der Herausforderung, einen Mittelweg zu finden – zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Intimität und Distanz.

Braucht es Glaubwürdigkeit als Person? Ja. Genauso braucht es aber auch Seriosität in der organisatorischen Rolle und eine kluge Einbindung der strategischen Kommunikation:

Unique gerne, aber ganz ohne Feinschliff? Besser nicht.

Bei Fragen und Anmerkungen melden Sie sich gerne bei uns.
reputation@us-communications.de

Weitere Artikel

Der schwarze Schwan
| 01

Der schwarze Schwan

Schreck oder Chance? Ulrich Stockheim, Gründer von USC, über unvorhersehbare Ereignisse, die Relevanz einer guten Krisenkommunikation und ...

Erfahre mehr