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Die Facetten der Nachhaltigkeit

| 03 Communication

Bild: Marco Wagner
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Die Facetten der Nachhaltigkeit

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Fridays For Future, die immer lauter werdenden Debatten um die Stilllegung von Kohlekraftwerken, elektrische Mobilität, die ökologische Wende in der Landwirtschaft und globalisierte Wertschöpfungsketten: Das Thema Nachhaltigkeit, das Hans Carl von Carlowitz bereits im 18. Jahrhundert prägte, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Unser Haus brennt. [...] Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen, denn das tut es.

Es waren die drastischen Worte einer jungen Schwedin, es war das Bild, das Greta Thunberg im Januar 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von der industrialisierten, globalisierten Welt malte, womit sie die neu entfachte Debatte um Nachhaltigkeit für viele in den Fokus rückte.

Dabei ist das Thema Nachhaltigkeit alles andere als brandneu: Schon 1713 erkannte der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, dass die Vernichtung des Waldes für den sächsischen Bergbau zu einer Holzverknappung, zu einem gefährlichen Energiemangel und einem schleichenden Niedergang der Industrie führen würde und erklärte in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“, dass dem Wald immer nur so viel Holz entnommen werden dürfe, wie durch eine planmäßige Aufforstung nachwachsen könne. Mit seinen frühen Überlegungen gilt Carlowitz bis heute als Begründer des (forstwirtschaftlichen) Nachhaltigkeits-Begriffs, dessen Präsenz im öffentlichen Diskurs seit seinem Aufkommen volatil geblieben ist. Einen Aufmerksamkeits-Peak verzeichnete die Debatte um den Umgang mit endlichen Ressourcen rund 250 Jahre später mit der Veröffentlichungen des Berichts „The Limits to Growth“ des Club of Rome (1972), in dem eine Analyse über die Zukunft der Weltwirtschaft erstmals ermöglichte, verschiedene Zukunftsszenarien als Konsequenzen menschlichen Handels aufzuzeigen. Das Resultat war eindeutig – bei einer unveränderten Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Nahrungsmittelproduktion, der Umweltverschmutzung und der Ausbeutung natürlicher Rohstoffe würde die Erde in den nächsten 100 Jahren die Grenzen des Wachstums überschritten haben – und der Aufschrei entsprechend groß.

Zur endgültigen Etablierung des Nachhaltigkeits-Begriffs im Sprachgebrauch trug entscheidend die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland bei, die sich durch den nach ihr benannten Brundtland-Report (1987), in dem sie „Nachhaltige Entwicklung“ definierte, für die Vereinten Nationen einen Namen machte. Laut Brundtland sind Entwicklungen immer dann nachhaltig, wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Damit formulierte Brundtland punktgenau die intergenerationelle Komponente einer ökologischen Gerechtigkeit, die die Basis darstellt für den Generationenstreit rund um Greta Thunberg, Fridays for Future und die „angeprangerten“ älteren Generationen, die den ökologischen Imperativ des Philosophen Hans Jonas „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ in den Augen der Jungen nicht ausreichend berücksichtigt. Befeuert wird diese Sicht durch Dieselskandale, ein Deutschland, das trotz „Klimakanzlerin“ im März 2019 vom Europäischen Gerichtshof für die Verfehlung der Pariser Klimaziele zu Strafzahlungen verurteilt wird, und weiterwachsenden Herausforderungen, die sich durch Wegschauen kaum in Luft auflösen dürften. Das Bevölkerungswachstum steigt weiter an – Forscher rechnen mit weltweit zehn Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts. Zu den intergenerationellen Konflikten gesellen sich die internationalen Krisen mit Hungersnöten und wachsenden Flüchtlingsströmen.

Brundtland Portrait
Illustration: Lena Kulla

Gro Harlem Brundtland

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ etablierte sich erst 1987 durch den nach der norwegischen Politikerin und damaligen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland benannten Brundtland-Report im Sprachgebrauch. Der Bericht für die UN definierte eine Entwicklung dann als nachhaltig, wenn „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

Alles nicht so einfach – auch nicht für Unternehmen, denn der Druck wächst

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Mit ihr steigt die Transparenz, die zusammen mit einem wachsenden Legitimitätsanspruch seitens Bevölkerung, Verbrauchern und Mitarbeitenden nicht zuletzt auch in gesetzlichen Regularien Ausdruck findet. Viel passiert, 2019. Und dann, 2020, mit Beginn der Corona-Krise, beginnt auch eine heiße Diskussion um die Frage, ob das „Aufreger-Thema“ Klimawandel nun abgelöst sei durch diese neue, akutere Bedrohung, das große „C“, sozusagen. Lieferketten, Arbeitsplätze, Existenzen stehen plötzlich auf dem Spiel – von Klimawandel will da keiner mehr etwas hören, könnte man meinen. Und doch zeigt sich, das Gegenteil ist der Fall: Gerade Corona zwingt auch Investoren, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Deutsche Anleger und Analysten bewerten Nachhaltigkeit als wichtiger denn je. Die Corona-Krise sei ein Weckruf für Investoren heißt es, für ein stärkeres Handeln gegen langfristige Nachhaltigkeitsrisiken. Sogar von einem möglichen Wendepunkt ist die Rede, denn die Krise wirft eine Frage auf, die lange niemand so richtigstellen wollte – die Frage nämlich, welche Unternehmen so nachhaltig wirtschaften und so zukunftsfähig aufgestellt sind, dass sich ein Investment in sie langfristig lohnt. So zeigt auch eine aktuelle Studie von JP Morgan, dass 55 Prozent der Vertreter von 50 Investmentgesellschaften mit einem Verwaltungsvolumen von 13 Billionen US-Dollar davon überzeugt sind, dass Covid-19 die nachhaltige Geldanlage in den nächsten drei Jahren weiter massiv vorantreibt (FAZ 2020).

Die drei Säulen
der Nachhaltigkeit
Ökologie - Nachhaltigkeit
Ökologie
  • Ressourcen­schonung
  • Emissions­reduzierung
  • Erhalt von Ökosystemen
  • Minimierung von Risiken
Soziales - Nachhaltigkeit
Soziales
  • Kooperation
  • Solidarsystem
  • Gleichberechtigung
  • Faires Handeln
  • Arbeitsbedingungen
Ökonomie - Nachhaltigkeit Ökonomie
  • Wirtschaftlichkeit
  • Optimierung Kostenstrukturen
  • Effizienz­steigerung
  • Image
  • Gemeinwohl

Nachhaltigkeit ist auch eine Frage der Perspektive

Trotzdem bleibt Nachhaltigkeit für viele eine Frage der Perspektive. Die Definitionen des alten Carlowitz und der norwegischen Politikerin Brundtland, sie existieren. Und: Der Begriff Nachhaltigkeit fußt eben auf drei Säulen, nicht bloß auf einer. Tragende Elemente sind, neben der Ökologie, auch das Soziale und die Ökonomie, auf denen es für die Zukunft ein solideres Haus zu bauen gilt. Denn ohne eine prosperierende Wirtschaft keine Steuereinnahmen und kein Geld für nachhaltigen Klimaschutz, ohne soziale Sicherungssysteme, ohne Arbeitsplätze, sichere Rente und Krankenversicherung keine Mehrheit zur Umsetzung. Viel Raum also für Interpretationen, Sichtweisen und neue definitorische Ansätze. Nachhaltigkeit – das kann demnach auch die langfristige Sicherung von Arbeitsplätzen meinen, den Erhalt von Vermögen für die Enkelgeneration bedeuten oder das möglichst lange Festhalten an deutschen Kernindustrien heißen. Viele Perspektiven auf ein durchaus umstrittenes Thema, an dem sehr viel mehr hängt, und dessen konsequente Umsetzung einer globalen Weltgemeinschaft weit mehr abverlangen wird, als den Demonstrierenden auf den Straßen aller Kontinente möglicherweise bewusst ist. Die Vielfalt der Sichtweisen, die in einem lösungsorientierten Diskurs Gehör finden müssen, können Erklärungsansätze dafür liefern, dass Greta Thunberg seit ihrer leidenschaftlichen Rede nicht nur heroisiert, beklatscht und gefeiert, sondern gleichermaßen bloßgestellt, belächelt und verachtet wurde. Unterschiedliche Perspektiven bieten nicht nur Raum für Interpretationen – sie lassen auch Platz für verzerrte Darstellungen, sowohl über eine utopische Zukunft als auch über vermeintlich propagierte Zwänge, Schrumpfkurse oder diktatorisch anmutende Freiheitsverluste. Szenarien und Argumentationen, die die nötige Ernsthaftigkeit vermissen lassen, sind an der Tagesordnung. Dabei ist – vor wie nach Corona – auf allen Seiten vor allem eines gefragt: Ein konstruktiver Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit, bei dem das Schüren von Ängsten, die die Notwendigkeit eines gemeinsamen Handelns überschatten und Energie und Engagement in eine destruktive Richtung lenken, deplatziert ist.

Unterschiedliche
Perspektiven

bieten Raum für Interpretationen, lassen Platz für verzerrte Darstellungen. Sowohl für überzeichnete Bilder einer utopischen Zukunft als auch für Dystopien aus vermeintlichen Zwängen, Schrumpfkursen oder diktatorisch anmutenden Freiheitsverlusten.

Dem Vorwurf, es gäbe eben nicht nur schwarz oder weiß, setzte Thunberg in ihrer Rede konträre, aus Handlungen resultierende Zukunftsszenarien entgegen, die – wie die Darstellungen des Club of Rome – schwärzer oder weißer kaum hätten ausfallen können. Das, was gemeinhin als Grauzone bezeichnet wird, ist, so bleibt zu vermuten, weniger die Frage, ob sich etwas ändern muss, als vielmehr die noch immer unklaren Wege einer Umsetzung, über die weiterhin gesprochen, an denen dringend gearbeitet werden muss.

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